Meine Meinung

Wenn SP und SVP gemeinsam Wohnraum verhindern

Hochhausbaustellen mit Baukränen in Zürich, im Vordergrund die Dächer bestehender Wohnhäuser

Am 25. Februar 2026 hat der Zürcher Gemeinderat die vom Stadtrat vorgeschlagenen Hochhausgebiete verkleinert und mit zusätzlichen Auflagen versehen. In Schwamendingen dürfen Häuser statt der geplanten 80 Meter nur noch 40 Meter hoch werden, für 60 Meter verlangt das Parlament eine zusätzliche Gestaltungsplanpflicht [1]. Getragen wurde dieser Entscheid von einer Koalition, die man in Zürich sonst selten zusammen im gleichen Abstimmungslager sieht: SP, Grüne, AL und SVP [1].

Zwei Parteien, ein Resultat

Die Begründungen der beiden Pole unterscheiden sich naturgemäss. Marco Denoth von der SP sagte im Rat, wer Hochhausgebiete nicht zulasse, sei nicht gegen mehr Wohnraum, sondern nur gegen das höhere Bauen. Die SP wolle Hochhäuser nur mit Gegenleistung und sozialer Verantwortung, ohne Verdrängung aus den Quartieren [1]. Reto Brüesch von der SVP bezeichnete die Hochhausrichtlinien dagegen als Mammutprojekt, das ohnehin kein Verdichtungselement sei, weder mehr Wohnungen noch mehr Grünflächen bringe [1].

Die Etiketten sind verschieden, das Stimmverhalten war identisch. Beide Fraktionen haben denselben Anträgen zugestimmt, die am Ende dieselbe Wirkung haben: weniger Hochhausgebiete, tiefere Gebäude, mehr regulatorische Hürden. FDP und GLP, die sich für die stadträtliche Vorlage einsetzten, sprachen im Anschluss von einer «Hochhausverhinderungsrichtlinie» und prüfen ein Referendum [1].

Das Argument trifft auf eine reale Notlage

Diese Debatte findet nicht im luftleeren Raum statt. Am Stichtag 1. Juni 2026 standen in der Stadt Zürich genau 252 Wohnungen leer, das entspricht einer Leerwohnungsziffer von 0,11 Prozent [2]. Zum Vergleich: Als «entspannt» gilt ein Wohnungsmarkt gemeinhin erst ab etwa 1,5 Prozent. Der gesamtschweizerische Durchschnitt liegt bei rund 1,0 Prozent [3], die Region Zürich damit weit darunter. Wer in dieser Stadt eine Wohnung sucht, konkurriert praktisch mit niemandem um ein Angebot, weil es kaum eines gibt.

Der Zürcher Wohnbausaldo, also die Differenz zwischen neu gebauten und abgerissenen Wohnungen, liegt seit Jahren auf tiefem Niveau [4]. Wenn eine Stadt in dieser Lage die Gebiete verkleinert, in denen überhaupt höher gebaut werden darf, verschärft sie ein Problem, das schon vor der Abstimmung eines der akutesten des Landes war.

Warum ich von einer unheiligen Allianz spreche

Mir ist bewusst, dass SP und SVP in praktisch jeder anderen Frage Gegenpole sind. Genau das macht diesen Fall bemerkenswert. Wenn zwei Parteien, die sich sonst über Verteilungsfragen, Zuwanderung oder Sozialpolitik bekämpfen, beim Bauen ausgerechnet dort zueinanderfinden, wo es um die Verhinderung von zusätzlichem Wohnraum in der am stärksten unterversorgten Stadt des Landes geht, ist das kein Zufall mehr. Es ist ein Muster.

Die SP begründet ihre Ablehnung mit dem Schutz der Quartiere vor Verdrängung, die SVP mit dem Schutz vor unnötiger Regulierung ohne Gegenwert. Beide Argumente mögen für sich stehen. In der Summe führen sie aber zum selben Ergebnis: weniger Fläche, auf der neuer Wohnraum entstehen kann, in einer Stadt, in der jede zusätzliche Wohnung gebraucht würde. Wer bei einer Leerwohnungsziffer von 0,11 Prozent Hochhausgebiete verkleinert statt sie mit Auflagen für preisgünstigen Wohnraum zu verknüpfen, bekämpft nicht die Verdrängung. Er verschärft die Knappheit, die Verdrängung erst erzeugt.

Was jetzt zu tun wäre

Ich bin überzeugt, dass Verdichtung nach oben in gut erschlossenen Lagen, entlang von Bahnlinien und in den vom Stadtrat vorgeschlagenen Zentrumsgebieten, der richtige Hebel ist, um Wohnraum zu schaffen, ohne das Kulturland im Kanton weiter zu belasten. Auflagen für preisgünstigen Wohnraum bei Zonenaufwertungen sind dabei legitim und in Zürich seit Jahren gängige Praxis. Die pauschale Verkleinerung der Bauzonen ist das nicht: Sie löst kein einziges der Probleme, die SP und SVP jeweils vorschieben, und schafft ein neues, nämlich noch weniger Angebot.

Der Gemeinderat wird sich mit dieser Vorlage noch einmal befassen müssen, ein Referendum von FDP und GLP scheint wahrscheinlich. Für mich ist klar, worum es dabei gehen sollte: nicht darum, ob Zürich höher bauen darf, sondern darum, ob die Stadt bereit ist, das Wohnungsproblem mit den Mitteln zu lösen, die ihr zur Verfügung stehen, statt es mit neuen Vorschriften zu verwalten.

Quellen

  1. Bilanz (2026): Hochhäuser in Zürich: Gemeinderat stoppt Stadtratspläne. 26. Februar 2026. bilanz.ch
  2. Südostschweiz/sda (2026): Zürich und Winterthur verzeichnen kaum mehr Leerwohnungen. 18. August 2026. suedostschweiz.ch
  3. finews.ch (2025): Wohnungsmarkt: Entspannung sieht anders aus, mit Zahlen der UBS und des Bundesamts für Statistik (BFS). finews.ch
  4. Kanton Zürich (2026): Leerwohnungszahlen, Direktion der Justiz und des Innern. zh.ch