Meine Meinung
Abkehr von fossilen Energieträgern ist Sicherheitspolitik
Ich sehe die Energiewende zu oft nur als Klimathema verhandelt. Das greift zu kurz. Für mich ist der Ausstieg aus fossilen Energieträgern vor allem eine sicherheitspolitische Notwendigkeit, und diese Dringlichkeit ist in den letzten Jahren gestiegen, nicht gesunken.
Was die Schweiz jedes Jahr ins Ausland überweist
Die Zahlen sind bekannt, werden aber selten in diesem Licht gelesen. Die Schweiz hat 2024 netto über 6,6 Milliarden Franken für Energieimporte ins Ausland überwiesen, davon allein 6,17 Milliarden für Rohöl und Erdölprodukte [1]. Über den Zeitraum 2015 bis 2024 waren es im Schnitt 7,26 Milliarden Franken pro Jahr [1]. Zwei Drittel des Schweizer Energieverbrauchs stammen aus dem Ausland, mit einer Unabhängigkeitsquote von rund 32 Prozent liegt die Schweiz im europäischen Mittelfeld, deutlich hinter Ländern wie Estland oder Lettland [1][2].
Ein Blick auf die Herkunft macht die Sache konkreter. Rohöl, das die Schweiz aus Ländern ausserhalb der EU bezieht, kam 2024 zu knapp 55 Prozent aus den USA, gefolgt von Nigeria mit rund 37 Prozent sowie Algerien und Libyen mit jeweils knapp 4 Prozent [3]. Das im EU-Gasnetz gehandelte Erdgas stammt unter anderem aus Norwegen, Russland und Algerien [1]. Selbst beim Uran für die Kernkraftwerke bleibt der russische Anteil relevant: Rund 45 Prozent des Stroms aus Schweizer AKW wird derzeit mit russischem Uran produziert [4].
Warum das eine Sicherheitsfrage ist, keine Kostenfrage
Man kann diese Summen als Handelsdefizit lesen. Ich lese sie als Abhängigkeit. Ein Land, das für einen Grossteil seiner Energieversorgung auf Lieferungen aus autoritär regierten Förderstaaten angewiesen ist, hat einen strukturellen Hebel gegen sich, der jederzeit gezogen werden kann. Das ist keine theoretische Gefahr. Der Gaslieferstopp aus Russland 2022 hat gezeigt, wie schnell sich Lieferketten verschieben und wie teuer eine kurzfristige Umstellung wird: In diesem Jahr stiegen die Energieimportkosten der Schweiz auf über 13 Milliarden Franken, fast doppelt so viel wie im langjährigen Mittel [5].
Diese Abhängigkeit lässt sich nicht wegdiversifizieren. Man kann den Lieferanten wechseln, aber nicht das Grundproblem: Solange ein Land für seine Energieversorgung auf Importe angewiesen ist, bleibt es verhandelbar. Und Verhandlungsmasse zu sein, gegenüber Staaten, deren aussenpolitische Interessen nicht mit den eigenen übereinstimmen, ist ein Sicherheitsrisiko, das direkt auf Wirtschaft, Versorgung und am Ende auch auf die Bevölkerung durchschlägt.
Geld im Inland ist mehr als eine Frage der Wertschöpfung
Der zweite Punkt betrifft, wohin dieses Geld sonst fliessen könnte. Jeder Franken, der für importiertes Öl oder Gas ins Ausland geht, fehlt für Investitionen im Inland: in Wärmepumpen, Solaranlagen, Netzinfrastruktur, Gebäudesanierungen. Das ist zunächst eine wirtschaftliche Überlegung, Wertschöpfung und Arbeitsplätze bleiben im Land statt im Ausland zu landen. Aber es ist eben nicht nur das.
Jeder Franken, der nicht mehr für fossile Importe ausgegeben werden muss, ist auch ein Franken, der nicht mehr an Regime fliesst, deren politische Stabilität, Menschenrechtslage oder aussenpolitisches Verhalten fragwürdig sind. Die Schweizerische Energie-Stiftung rechnet vor, dass die Energiewende der letzten 15 Jahre bereits 31 Milliarden Franken an vermiedenen Fossilenergieimporten gebracht hat, davon 14,7 Milliarden allein zwischen 2022 und 2024 [6]. Das ist Geld, das im Inland investiert wurde statt in Förderstaaten zu fliessen, deren Verlässlichkeit man sich nicht aussuchen kann.
Was daraus folgt
Ich ziehe daraus einen klaren Schluss: Der Ausbau von Wärmepumpen, Photovoltaik, Elektromobilität und Netzkapazität ist nicht in erster Linie ein Klimaprojekt. Es ist ein Souveränitätsprojekt. Jede Kilowattstunde, die im Inland erzeugt statt importiert wird, reduziert die Angreifbarkeit der Schweiz über ihre Energieversorgung.
Das heisst nicht, dass der Umstieg schmerzfrei ist. Er kostet Investitionen, braucht Zeit und wird nicht jedes Problem lösen, die Schweizer Stromversorgung bleibt schon allein aus physikalischen Gründen eng mit den Nachbarländern verzahnt. Aber der Unterschied zwischen Abhängigkeit von einem europäischen Verbundnetz mit vergleichbaren Werten und Abhängigkeit von Förderstaaten, die man sich nicht als Partner ausgesucht hätte, ist real und relevant für die eigene Sicherheit.
Wer den Ausstieg aus fossilen Energieträgern verzögert, verzögert nicht nur den Klimaschutz. Er verlängert eine Abhängigkeit, die sich die Schweiz sicherheitspolitisch nicht mehr leisten kann.
Quellen
- Schweizerische Energie-Stiftung SES (2026): Energie-Unabhängigkeitstag 2026: Ab 27. April lebt die Schweiz auf Pump. Zürich, 13. April 2026. energiestiftung.ch
- Bundesamt für Energie BFE (2025): Schweizerische Gesamtenergiestatistik 2024. Bern. bfe.admin.ch
- Avenergy Suisse (2025): Mineralölbranche der Schweiz: Jahresbericht 2024. avenergy.ch
- Schweizerische Energie-Stiftung SES (2024): Rosatom und die Schweiz: Abhängigkeit von russischem Uran. energiestiftung.ch
- Plattform J (2023): Energie-Ressourcen, 17. April 2023, mit Zahlen der Schweizerischen Energie-Stiftung SES. plattformj.ch
- WWF Schweiz (2026): Factsheet: Vermiedene Fossilenergieimporte. Juni 2026, basierend auf Berechnungen des WWF. wwf.ch